Björnbären in den Medien

Artikel von: www.meine-kita.de


In bilingualen Kitas werden Kinder von klein auf mit zwei Sprachen groß. Im letzten Herbst eröffnete die erste deutsch-schwedische Kita in München. Meine Kita war zu Besuch bei den Björnbären.

Text: Kaja Godart

Bohnen und Fleischklöpse landen abwechselnd im Mund, auf dem Boden oder in blauen Plastik Umfang-Lätzchen, die den jüngsten Kindern um den Hals hängen. Matilda rührt eifrig in ihrem Potatismos, schwedischem Kartoffelbrei. „Jag är jättehungrig“, sehr hungrig sei sie, sagt die Vierjährige und nimmt einen großen Löffel voll. Mittagessen in der deutsch-schwedischen Kita in München.

Im Oktober 2013 eröffnete die Kita Björnbären, zu deutsch Brombeeren. Es ist die erste deutsch-schwedische Kita Deutschlands. An kleinen Tischchen löffeln dreizehn Kinder Aus bunten Tellern, dazwischen sitzen zwei deutsche und eine schwedische Erzieherin. Jede spricht in ihrer Muttersprache mit den Kindern. Das pädagogische Konzept der Kita will den Spracherwerb möglichst unbemerkt stattfinden lassen, indem beide Sprachen von den Fachkräften in ihrer jeweiligen Muttersprache gesprochen werden. „Vill du ha mer bönor?“, fragt Erzieherin Sarah. Einnicken, und die 28-jährige Schwedin schöpft noch mehr Bohnen auf. Die Jüngsten sind gerade mal ein Jahr alt, die Ältesten vier. Viele sind noch zu klein zum Sprechen, sie nicken nur oder schweigen mit großen Augen.

In bilingualen Kitas lernen Kinder von klein auf zwei Sprachen. Je früher, umso besser die Chancen, beide Sprachen auf Muttersprachniveau zu sprechen. Über die Hälfte aller Menschen auf der Welt werden mit mehr als einer Sprache groß; keine Altersstufe Eignet sich besser zum Sprachenlernen als die ersten Lebensjahre.

Im Münchner Norden, in einer großzügigen Erdgeschosswohnung, wohnen die Wibergs. Ida und ihr Mann sind vor zwei Jahren von Schweden nach Deutschland gezogen, des Jobs wegen. Jetzt robbt Töchterchen Klara über das graue Sofa, ihr großer Bruder Erik turnt durch das Nebenzimmer. Der Dreijährige ist erst seit ein paar Wochen bei den Björnbären, aber er lernt so schnell, erzählt Ida Wiberg stolz, er könne nun schon sieben Wörter zu einem schwedischen Satz zusammensetzen.


Im Hause Wiberg spricht man Schwedisch - und wälzt Ideen. Zum Beispiel die, einfach selbst eine bilinguale Kita zu gründen, zusammen mit fünf schwedisch-deutschen Paaren, die keine Ahnung von Kitagründung, aber Kinder haben, die mit beiden Sprachen groß werden sollen. Zwei Jahre plante und diskutierte die Elterninitiative, sie organisierten und kalkulierten so lange, bis sich die Kita rechnete. Heraus kamen 400 Euro plus 80 Euro Essen im Monat und Platz für 18 Kinder. Besonders schwierig sei die Personalsuche gewesen, erzählt Ida Wiberg.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist für schwedische Fachkräfte nicht gerade verlockend, viele haben studiert und finden im schwedischen Elementarbereich besser bezahlte Stellen. Schließlich fanden sie Sarah, die fließend Deutsch spricht. Die Schwedin ist eigentlich Gymnasiallehrerin und hat sich trotzdem entschieden, bei den Björnbären zu arbeiten, als sie im letzten Jahr zu ihrem deutschen Freund nach München zog. Auch nach den beiden deutschen Fachkräften suchten die Eltern lange. Brigitte Lars, die die Kita-Leitung übernahm, war zuvor viele Jahre bei städtischen Einrichtungen angestellt. Durch den Wechsel zu einem privaten Träger erhoffte sie sich vor allem mehr Freiheit in ihrer Arbeit - und das lässt ihr die Elterninitiative: Als pädagogische Leitung kümmert sie sich nicht nur um fachliche, sondern auch um viele organisatorische Dinge.

Draußen, hinter der Kita, gibt es einen kleinen Garten, der eher eine große Terrasse mit Sandkasten ist. Zwischen Umzugskartons und nagelneuem Sechssitzer-Kinderwagen gibt es kleingeschnittene „Gurka“ zu essen. Ein paar karge Weidenruten, kreisförmig in den Boden gesteckt, sollen mal ein kleines grünes Blätterhaus ergeben, frisch gepflanzte Büsche irgendwann zu einem Sichtschutz verwachsen. Erzieherin Sarah klatscht auffordernd in die Hände und hüpft über die Steine: „Hoppa som en kyckling!“, ruft die Erzieherin, und die Kinder springen eifrig hinterher, die Arme zu Flügeln geformt. Hüpfen wie ein Huhn, das haben alle verstanden.

Kinder lernen durch Nachahmen, sind Meister des Imitations. Wenn Bewegungen und Sprache zusammenkommen, werden Muster im Gehirn angelegt. Schon bei sieben Monate alten bilingualen Babys zeigten sich unterschiedliche Gehirn Reaktionen; sie könnten schon da zwischen Mama- und Papa-Sprache unterscheiden, erklärt Heiner Böttger, Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Wenn Eltern konsequent in ihrer Muttersprache mit dem Kind sprechen, verstehen die Kleinen beide Sprachen lange, bevor sie selbst anfangen zu sprechen. Kinder erkennen dann bewusst, dass es Unterschiede zwischen beiden Sprachen gibt, auch wenn sie sie noch nicht selbst sprechen.


Fast alle Björnbären-Kinder kommen aus deutsch-schwedischen Elternhäusern, nehmen von klein auf Klang und Wörter beider Sprachen auf. Aber auch Kinder aus rein deutschen Familien können einen Platz in der Kita bekommen.

Wie die meisten bilingual aufwachsenden Kinder mischen auch sie mitunter Wörter beider Sprachen in einem Satz zusammen.„Ganz normal“, beschwichtigt Böttger. Auch Brigitte Lars gibt besorgten Eltern immer den gleichen Rat: „Manchmal dauert es eben einfach. Kinder nehmen lange nur auf,aber irgendwann geht es los und plötzlich sprechen sie beide Sprachen“, erklärt die Kita-Leiterin. Überforderung der Kinder? Nein, sagt Lars. Auch Böttger winkt ab. „Sie wissen doch, wie das ist, wenn Kinder einer Sache night mehr folgen können oder wollen, dann drehen sie einfach den Kopf weg und schalten ab", sagt er.

Nach dem hüpfenden Huhn führt Sarah draußen im Gärtchen die Kinderschlange im Enten Watschelgang an. Drinnen, hinter der großen Glasscheibe der Terrassentüre sitzt Erzieherin Christina auf einer Holzstufe, auf dem Schoß ein Junge, der keine Schuhe dabei hat.

Die 22-Jährige konnte bis vor ein paar Monaten kein Wort Schwedisch, mittlerweile hat sie viele Wörter aufgeschnappt. Sie lernt die Sprache mit den Kindern -und von ihnen. Neulich blätterte sie mit Siri durch ein Bilderbuch. „Ein Fuchs“, erklärte Christina und zeigte auf das Bild. „En räv“, korrigierte die Vierjährige. Die Kinder übersetzen auch gegenseitig, beobachtet die Erzieherin, wie kürzlich, als sie auf Deutsch die Ampelregelung erklärte und die älteren Kinder es den jüngeren auf Schwedischweitergaben.

In bilingualen Einrichtungen geht es neben den Sprachen auch um zwei Kulturen. Alle Kinder sollen sich später in beiden als vollwertige Mitglieder fühlen, so sieht es auch das Konzept der Björnbären-Kita vor. Es wird doppelt gefeiert, weil deutsche und schwedische Festtage begangen werden, Kinderbücher auf Schwedisch und Deutsch Vorgelesen, Lieder in beiden Sprachen gesungen, mal schwedische, mal deutsch Fingerspiele und Reime gemacht.Wenn auf dem Frühstückstisch schwedische Gröt dampft, stand Erzieherin Sarah in der Brei-Küche, ihre deutschen Kolleginnen stellen morgens Brezeln und Brot auf den Tisch. Und weil die deutschen Erzieherinnen gerade noch in der Überzahl sind, wird demnächst eine zweite schwedische Muttersprachlerin das Kita-Team ergänzen.

Wenn in knapp zwei Jahren die ersten Kinder die schwedisch-deutsche Kita Björnbären Richtung Schule verlassen, landen sie im deutschen Bildungssystem - in dem die schwedische Sprache nicht mehr gefragt sein wird. Doch Sprachwissen, dass Kinder bis zur Einschulung verinnerlicht haben, gehe nicht verloren, ist Heiner Böttger überzeugt. Umso wichtiger ist es für Eltern wie Ida Wiberg, dass Matilda, Erik und die anderen Kinder sich bis dahin in beiden Sprachen verständigen können, sich in Ihnen zu Hause fühlen.


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